April 23, 2013
von mauro
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Zwei Stunden im Jetzt

Wir sind seit zwei Stunden unterwegs als wir beschließen auf einem Autohof halt zu machen. An den Zapfsäulen ist trotz der späten Stunde noch viel los. Auf den Parkplätzen stapeln sich die großen LKWs. Die Fahrer, die schlafen, träumen ihre Träume. Und die Fahrer, die wach sind und sich draußen unterhalten, verströmen eine Symphonie aus Stimmen und Sprachen. Am Straßenrand sitzen die Prostituierten in ihren Wohnwagen und warten auf Kundschaft mit nichts als ihren Sehnsüchten zum Abendessen.

Ich bringe das Auto neben einer Großfamilie aus Dänemark zum stehen, und wir steigen aus. Während sie versucht sich eine Zigarette anzuzünden, beobachte ich einen Lastwagenfahrer, der den Reißverschluss seiner Hose hochzieht, sich die Hände an seiner Jacke abwischt, über das Geländer tritt und in seinen Laster steigt. Keine fünfzig Meter vom Tatort entfernt, erblicke ich eine Toilette.

Für mich ist das einer der besseren Tage. Viele sind doch der Meinung, der schönste Moment ihres Lebens müsse noch kommen. Irgendwann in der Zukunft. Morgen, Übermorgen, nächstes Jahr. Wenn ich erst mit meiner Ausbildung fertig bin, wenn ich erst wieder gesund bin, wenn ich den richtigen Mann oder die richtige Frau finde, wenn ich genug Geld habe. Dann, dann, dann …

Der schönste Moment im Leben ist – jetzt!

Ich sehe wie sie lächelt, und das steht ihr gut. Sie sagt, ich denke zu viel. Sie hat recht, ich weiß. Ich bin hier, weil mir etwas fehlt, aber das Gefühl ist mir ein Rätsel. Ich bringe es nicht fertig auch nur einen Muskel anzuspannen. Ich weiß. Ich weiß nicht. Du weißt schon. Gedruckte Worte kann ich vielleicht noch dazu bringen zu tun, was ich will, aber sprechen kann sie viel besser. Und ich möchte da sein und zuhören.

Der Wind weht heftig. Ein Sturm ist in Anmarsch und fegt über den Autohof. Als wir wieder in den Wagen steigen, sehe ich die Gänsehaut auf ihren nackten Oberarmen. Der Wagen startet und schon bricht es tosend über uns hinweg.

April 21, 2013
von mauro
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Ruhe und Glück

Er sitzt am offenen Fenster, während er eine seiner selbstgedrehten Zigaretten raucht. Wie immer um diese Tageszeit. Er beobachtet die Menschen, die unten an der Straße hektisch hin und her laufen. Zum nächsten Termin jagen oder zum nächsten Chat.Wie jeden Tag. Gar nicht lange her, da hat er in einer Zeitschrift gelesen, dass die moderne menschliche Existenz nur noch in der Öffentlichkeit statt findet. Im Internet, in Social Medias und in Chat Rooms. Jeder hebt sein virtuelles  Bein, um etwas zu hinterlassen: Hier bin ich! Doch er genießt viel mehr die Zeit, in der er zurückgezogen und anonym leben kann.

Er drückt seine Zigarette aus, schließt für einige Augenblicke die Augen und nimmt die Welt um sich herum nur noch als Hörspiel war. Wenn alles passt, denkt er, dann paart sich beim Menschen manchmal Ruhe mit Glück. Man kann dann richtig sehen, wie sich die Nerven einen Moment hinlegen, wie sich jeder kleine Muskel im Körper entspannt und wie ein Glanz die Augen überzieht. Es sind nur kleine Momente, das weiß er. Denn der Mensch ist unbesiegbar und verletzlich zugleich.

Er öffnet die Augen, schließt das Fenster und füttert seine Schildkröte Lotte; die einzige Verantwortung, die er zu tragen hat. Und er wird auch sie vermissen. Er zieht sich langsam aus. Schuhe und Socken stellt er am Bettende ab, bevor er sich unter die Decke legt. Dabei muss er an die vielen einsamen Menschen in dieser Stadt denken.

Er selbst war mal verheiratet. Sie kannten sich seit sie klein waren und haben jung geheiratet. Doch nach ihrer Hochzeit ist seine Frau an Krebs erkrankt. Sie hat zwar gekämpft, aber der Krebs war stärker. Kurz nach ihrem Tod verließ er das Krankenhaus und hat wie ein Schloßhund geweint. Es war kalt draußen und trotzdem ist er nicht in sein Auto gestiegen. Er lief die Straßen entlang und der kalte Wind blies ihm ins Gesicht. Er ging in eine Bar und betrank sich. Er konnte den Verlust seiner großen Liebe und Seelenverwandten nicht verkraften. Er hasste es ein Mann zu sein. Danach ging er nur noch mit Scheuklappen durch die Welt. Frauen nahm er nur noch wahr, wenn sie toll aussahen und willig waren. Aber verlieben konnte er sich nicht mehr.

Doch jetzt, und das spürt er, ist er auf dem Weg zu ihr und hofft sie kann ihm verzeihen.

Dezember 21, 2012
von mauro
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Night on Earth

Ich stehe in einer Reihe hinter zwei Frauen. Ich schätze sie auf Mitte/ Ende dreißig, aber das tut hier nichts zur Sache. Als sie aufgefordert werden ihre Bestellung aufzugeben, fangen sie, wie Teenager an zu kichern. Sie können sich allem Anschein nach nicht entscheiden,  welchen ekligen Fraß sie lieber essen wollen. Also wackeln sie mit ihren üppigen und viel zu knapp bekleideten Körpern, was ein schmalziges Lächeln in den Gesichtern der männlichen Belegschaft hervor ruft. Ich bekomme nicht mehr mit, für was sie sich entscheiden, denn links daneben macht ein junges Mädchen eine weitere Kasse auf und fordert nun mich auf meine Bestellung auf zu geben.

Ich parke mit meinem Taxi auf dem Gelände der SB-Waschanlage im Lerchenweg, direkt bei den Staubsaugern. Es läuft Radio FFN. Der Sänger von Razorlight versucht mir gerade sein Leid zu klagen. Ich warte auf die Nachrichten zur vollen Stunde. Mein Blick fällt auf die Uhr am Armaturenbrett. Sie springt auf null Uhr. Mitternacht – ich habe Geburtstag und beiße in den schon kalt gewordenen Cheeseburger. Hipp, hipp, hurra.

Die Nacht ist kalt und es gibt nicht viel zu fahren. Gegen Morgendämmerung komme ich, nach einer Tour aus der Nordstadt, zurück zum Stand auf der Porschestraße. Ich reihe mich, wie immer, in die Schlange der Seelen ein, die darauf warten den letzten Fahrgast am Morgen ab zu greifen. Während ich warte, versuche ich nicht zu viel zu rauchen. Ich hoffe auf eine kurze letzte Fahrt. Meine Augen brennen, und die Müdigkeit schlägt sich in Kopfschmerzen um, als ein junger Mann direkt aus der “Nachtschicht” in mein Taxi stolpert. Es geht nach Sülfeld.

Die meisten Fahrgäste wollen nur ein bisschen plaudern um die Fahrtzeit zu überbrücken. Doch die Erfahrung zeigt, dass je später die Nacht, desto wertloser werden die Gespräche. Während einer Schicht bin ich Vater, Bruder, bester Freund, Stadtführer, Nachrichtensprecher und Sportkommentator, Arzt und Seelsorger.  Sie lassen mich an ihrem Alltag teilhaben -ja! Schütten mir ihr Herz aus – gut!  Und  lassen  es dann auf dem Beifahrersitz liegen, direkt neben ihrem Erbrochenem.

“Heute ist mein Geburtstag”, sage ich zu ihm. “Herzlichen Glückwunsch. Siehst aber nicht gerade glücklich aus.” “Ja. Ich mag Geburtstage nicht!” “Niemand mag Geburtstage”, stimmt er mit ein.

Er stellt sich als angenehmer Fahrgast heraus, kein Spinner. Kein Arschloch, der mich ständig anbrüllt, ich solle gefälligst schneller fahren. Nett gefeiert hat er, mit ein paar Freunden. Viel getrunken hat er, wie jedes Wochenende. Keine Frau kennen gelernt. Fährt alleine nach Hause, wie immer.

Wir kommen in Sülfeld an. Ich fahre links, dann rechts und halte vor der Feuerwehr, wie er es gewünscht hat. Ich drücke auf die Uhr und nenne ihm den Fahrpreis. Er muss aussteigen um sein Portmonee aus seiner Gesäßtasche heraus zu holen, währenddessen greife ich nach meiner Geldtasche unter dem Fahrersitz. Nachdem ich wieder hochblicke, stelle ich fest, dass der junge Mann weg ist. Ich sehe noch, wie er schwankend in der Dunkelheit zu verschwinden droht.

Ich laufe und laufe. Die ersten Meter Sprint sind zu optimistisch gewesen. Meine Knie schmerzen und meine Lunge explodiert gleich, doch der Typ wird einfach nicht langsamer. Ich will schon aufgeben und werfe ihm noch ein paar Schimpfwörter und Flüche hinterher, als er zu straucheln beginnt und der Länge nach alle Viere von sich streckt. Ich bleibe erstmal stehen um selber Luft zu schnappen. Jetzt habe ich hin!

Ich hab ihn nicht gekriegt. Während ich noch meine Lunge mit kalter Winterluft fülle, ist er aufgestanden und endgültig abgehauen. Zudem gestaltet sich auch noch die Rückfahrt schwerer als die Hinfahrt. Eisregen. Von einem Moment auf den anderen verwandelt sich die Fahrbahn zu  einer Rodelbahn. Ich biege ab, zumindest versuche ich es, aber das Auto hat andere Pläne. Ich drehe mich um die eigene Achse,  neben mir dreht sich auch jemand um sich selbst. Jetzt fehlt nur noch die passende  Musik.  Das Auto kommt endlich zum stehen. Ich bin glücklich. Das hätte auch schief gehen können.

August 2, 2012
von mauro
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Sommer 1990

Im Sommer 1990 verbrachte ich in der Nähe von Rom vier Wochen bei meinem Gastbruder Gaetano. Einige Monate zuvor lernten wir uns bei einem Schüleraustausch kennen. Die Fußballnationalmannschaft wurde in Italien durch ein Elfmetertor von Andi Brehme zum dritten Mal Fußballweltmeister. Gegen Argentinien und Maradona. Fußballdeutschland jubelte.  Und ich lag am Strand und sah den Mädels zu. Den ganzen Tag lag ich im Sand. Und den ganzen Tag schien unbarmherzig die Sonne auf mich herab. Mein Rücken rötete sich immer mehr. Ich wusste, dass ich mir einen Sonnenbrand holte, aber ich konnte einfach nicht den Blick von den Mädels lassen. Und von den Müttern, den Schwestern und Tanten…

Alle waren sie einen Sonnenbrand und die Schmerzen und die Blasen wert. Die Großen und die Kleinen, die Dicken (aber nicht zu dick) und die Dünnen, die Braungebrannten, die mit hellem Haar, die mit dunklem Haar, die mit hübscher Nase, die mit großen Ohren, die richtigen Schönheiten – ich fand sie alle wunderbar.

Ich wäre so gern aufgestanden. Ich wäre gern zu ihnen rüber gegangen. Hätte mich zu ihnen gesetzt und mich mit ihnen unterhalten. Ich wollte den Rest des Tages mit ihnen verbringen. Es wäre so einfach gewesen. Ich brauchte doch nur aufzustehen und zu ihnen rüber gehen. Aber das konnte ich nicht.

In diesen vier Wochen habe ich im Überfluss italienisches Bier getrunken, die Rolling Stones zum ersten Mal live gesehen, gelernt wie man trampt, massenweise Geld für Nivea Creme ausgegeben. Und ich habe gelernt ein Mädchen auch anzusprechen und nicht nur anzusehen. Denn Niemand, wirklich Niemand, interessiert sich für dich, wenn du aussiehst, wie ein Krebs.

Juli 6, 2012
von mauro
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Der Boxer

Ein großes Talent im Amateur-Boxsport sei er gewesen, erzählte er. Schon damals in jungen Jahren wurde ihm eine große Profikarriere prophezeit. An dem Tag als er siebzehn wurde, sollte er um die deutsche Meisterschaft boxen. Doch er ging mit seinen Kumpels feiern und war dann zu besoffen, um zu kämpfen. Das war das Aus, bevor es richtig begann. Er flog von der Bundeswehr. Er kellnerte. Ging in den Knast, weil er seinen Chef fast zu Tode geprügelt hatte. Kam raus und arbeitete in einer Autowaschanlage. Dann klaute er Autos und ging wieder in den Knast. Später durfte er die Kacke in einem Tierheim wegwischen. Und wurde gefeuert, weil er nach Feierabend einen Schäferhund beim Vögeln mit einem Dackel fotografiert hatte.

Er war wütend auf sich, und dass er so oft versagt hatte. Er nannte sich einen Versagerprofi. Aber auf dem Gebiet, auf dem er am meisten versagt hatte, waren die Frauen. Die Frauen hätten ihn in die Kriminalität getrieben. Und besonders eine sei für seine derzeitige Krise verantwortlich. Er wollte jetzt gleich zu ihr. Ihr erklären, dass er nicht so in der Scheiße säße, wenn sie endlich begreifen würde, wie sehr er sie liebte. Ich beruhigte ihn und überredete ihn, sie nicht zu besuchen. Warum Frauen sich überhaupt in ihn verknallten, war mir ein Rätsel. Er war grob und hässlich. Hatte ein entstelltes Gesicht und die typische Boxernase. Seine Haut schälte sich, wie bei einer Schlange.

Ich wollte ihm einen Kaffee machen, doch er wollte nur Bier. Und weil er keins mehr bekam, rastete er plötzlich aus. Es war so dramatisch, dass ich zuerst glaubte, er wollte mir was vormachen, damit er sein Bier bekam. Er stürzte auf die Knie, packte sich an die Brust und keuchte, als hätte ihm jemand in den Bauch geboxt. Als er schreiend wieder auf die Beine kam und anfing, mit seinen Hausmeisterschuhen, gegen meinen Tresen zu treten, wusste ich, dass etwas in seinem Kopf ausgesetzt hatte. Er ließ sich nicht mehr beruhigen. Er fuchtelte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Er jammerte und sang ihren Namen. Alle viere von sich gestreckt, blieb er einfach liegen.

Wir waren alleine. Und da um diese Zeit eh keine Gäste mehr kamen, schloss ich den Laden und setzte mich zu ihm auf den Boden. Es fing an zu weinen. Er tat mir leid, aber was sollte ich machen? Dann musste er kotzen, und es dauerte lange, bis ich alles aufgewischt hatte. Ich ging kurz vor die Tür, um frische Luft zu schnappen. Ich weiß nicht warum, aber ich saß die ganze Nacht bei ihm. Ich hielt ihm nicht die Hand oder so was, aber ich hörte ihm zu. Er erzählte mir Dinge, die für mich keinen Sinn ergaben. Lauter kurze Blicke auf etwas, das ihm gerade in den Sinn kam. Orte, Leute, an die er sich erinnerte. Einen Süßigkeitenautomaten in seiner Kindheit. Er schwitzte, aber plötzlich wurde er sehr still und klar und kam wieder in die Gegenwart zurück. Und nun erzählte er mir von ihr. Wie sie sich kennengelernt hatten. Wie unzertrennlich sie sein. Er sagte, ohne sie würde er sterben.

Ich wurde durch das heftige Klopfen des Getränkelieferanten geweckt. Der Boxer war nicht mehr da. Es dauerte Monate, bis er wieder auf freiem Fuß war und sich bei mir blicken ließ. Es war nichts Neues. Wegen Trunkenheit am Steuer, leichte Körperverletzung oder Diebstahl von Alkohol im Supermarkt. Aber immer hatten die Frauen schuld. Und das er früher Boxer war. Ein großes Talent. Aber stark sei er immer noch. Ich griff zum Telefon und rief zuhause an. Ich stellte mich auf eine lange Nacht ein.

Juli 4, 2012
von mauro
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Vater und Sohn

Wir sind um drei im Centro verabredet. Noch zwei Haltestellen. Ich sehe auf die Uhr. Ich bin zu früh dran. Ich will nicht der Erste sein. Ich stehe auf und drücke. Das letzte Stück werde ich zu Fuß gehen. Langsam. Sehr langsam. Im Schneckentempo. Dass ich als erster da bin, kommt nicht in die Tüte. Er wird auf mich warten müssen. Der Bus hält. Ich gehe vorsichtig zur Tür und steige aus. Ich ziehe die Jacke fester zusammen. Es ist kalt. Ich lasse mir Zeit. Wieder schaue ich auf die Uhr. Wenn ich zehn Minuten zum Centro brauche, komme ich nur fünf Minuten zu spät. Das reicht nicht. Er wird sowieso fünf Minuten zu spät kommen. Er kommt immer zu spät. Falls er überhaupt kommt. Vielleicht hat er sich ja geändert. Menschen ändern sich. Also hat vermutlich auch er sich geändert. Trotzdem gehe ich nicht schneller. Vor ihm zum vereinbarten Treffpunkt einzutrudeln, das kommt nicht in die Tüte.

Ich sehe ihn in einer Ecke am Tresen sitzen. Im Centro ist es warm. Sehr warm. Trotzdem hat er noch seinen Mantel an. Er ist alt geworden. Er hat wieder ein paar Kilo zugelegt. Ich erkenne ihn kaum wieder. Was habe ich erwartet? In ihm steckt das ganze Leben eines Arbeiters. Wir unterhalten uns. Auf italienisch. Angestrengt höre ich ihm zu. Meine Muttersprache habe ich fast schon verlernt. Und deutsch hat er nie richtig gelernt. Er geht zurück in die Heimat. Warum? Weil ihn hier nichts mehr hält. Ich nehme es nicht persönlich. Er entschuldigt sich auch nicht dafür. Ich kann nicht ahnen, dass er zum Sterben zurück geht, und dass das unser letztes Treffen ist. Ich fahre wieder Bus und habe schon vergessen, wie er aussieht.

Juni 15, 2012
von mauro
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Traumcafé

Ich beobachte ihn. Wie er da sitzt. Zufrieden. Durch die Scheibe des Cafés starrt. Träumerisch in seinem Espresso rührt. Ich kann nicht sagen, woran er denkt, aber Sorgen hat er keine. Das Gesicht ist ruhig. Kein Kummer. Die Zeitung ordentlich gefaltet neben ihm. Seine Brille liegt ruhig daneben. Alles um ihn herum ist friedlich. Umgeben von Ordnung. Er schlürft seinen Espresso. Sorgfältig wischt er sich die Lippen mit der Papierserviette und streift sich dann sanft über den Bart. Ich sehe, wie der Ring an seinem kleinen Finger blinkt, der im Sonnenlicht, das durch das Fenster hereinfällt, funkelt.

Draußen flattert ein Vogel vorbei, und er blickt auf, folgt ihm, kehrt dann zu seiner leeren Espressotasse zurück. Er schiebt die Tasse zur Seite und streckt langsam die Hand nach dem Glas Wasser aus. Er trinkt und hört nicht auf zu trinken, bis das Glas leer ist. Ich sehe seine Kehle pulsieren, während das Wasser hindurch rinnt. Seine Augen schließen sich, als wäre er in einer Ekstase und träumt von etwas, das weit weg ist.

Juni 6, 2012
von mauro
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Wolfsburg – Meine Stadt!

Vor über 30 Jahren kamen meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir nach Wolfsburg. Ich war knapp drei Jahre alt, als ich dem Schoß der Mutter Heimat entrissen wurde. Wolfsburg sollte meine erste Freundin werden. Anfangs verstanden wir uns nicht, und ich wollte wieder weg von ihr. Doch mit der Zeit verstanden wir uns immer besser, und wir gewöhnten uns aneinander. Je älter ich wurde, kam Zuneigung hinzu, und ohne es zu bemerken, verliebte ich mich in sie. Also was tun?

Ich war ja noch ganz unerfahren in diesen Dingen, und ich dachte, das zwischen uns wäre für immer. Aber während ich immer älter wurde, schien sie sich ständig zu verjüngen. Um sie wieder auf mich aufmerksam zu machen, wollte ich sie eifersüchtig machen. Ich verschwand also für eine Woche nach Kassel und meldete mich nicht. Als ich wiederkam, ließ sie sich nichts anmerken, dass ich ihr gefehlt hatte. Aber dann erfuhr ich, dass sie sich in meiner Abwesenheit mit anderen Männern getroffen hatte. Nun fing ich an ihr kleine Geschenke zu machen. Ein Strauss Blumen, an einer Straßenecke hinterlegt, schien sie gefreut zu haben, denn am nächsten Tag war es nicht mehr da. Aber es war zu spät. Die Leidenschaft war erloschen. Abends sah ich immer länger fern, während sie sich langweilte und an ihre Städtepartnerschaften dachte. Wir trennten uns. Und um meinen Kummer zu vergessen, begann ich zahlreiche Affären mit anderen Städten, aber sie bedeuteten mir nichts. Auch Wolfsburg lies sich von anderen Männern umschwärmen, und zeigte ihnen ihre Sehenswürdigkeiten. Ich hatte meine Chance bei ihr, aber vielleicht sollten wir es noch einmal miteinander versuchen.

Ich habe mich verändert. Auch wenn ich ja immer noch nicht weiß, wie man mit einer Stadt umgehen muss, Mann und Stadt sind einfach zu verschieden. Wenn wir aber von Anfang an ehrlich zueinander sind, dann können wir es doch nochmal probieren, warum nicht.

(FOTO: MATHIAS REISCH)